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Stummelschnitt der Bäume

Wenn seit unvordenklichen Zeiten Platanen und andere Bäume bis auf den Stamm zurückgesetzt und verstümmelt werden, so ist das noch lange kein Zeichen für die Richtigkeit dieser Maßnahme - eher für deren Rückständigkeit. Wer sich auf diese Praxis beruft (beim Fürst Pückler kann man allerdings lesen, dass er das für sehr schädlich hält!), zeigt nur, daß er mit der Baumökologie nicht vertraut ist und über die Vorgänge im Lebewesen Baum nicht Bescheid weiß.

Weshalb schadet die Verstümmelung den Bäumen? In der wirkungsvollen chemischen "Fabrik" Pflanze bilden die Blätter die Fabrikationsorgane, die die Produkte Kohlehydrate, Zucker, Stärke, Holz, Sauerstoff, Kühlung Luftreinigung usw. hervorbringen. Beseitigt man diese Fabrikationsorgane, dann unterbindet man die Produktion.

Für die Bäume bedeutet dies, daß als Folge der mangelnden Zufuhr von Assimilaten aus den Blättern der Baumkrone die Wurzeln der Bäume nicht mehr ernährt werden und deshalb absterben müssen. Das wiederum hat zur Folge, dass die Bäume noch weniger Wasser und Nährstoffe aus dem Boden aufnehmen können. Das Ergebnis ist demnach eine wesentliche Schwächung der Substanz der Bäume, die daraufhin auch viel eher und viel stärker von Schädlingen befallen werden, deren sie sich nicht mehr erwehren können.

Die Bäume werden aber auch in ihrem oberirdischen Aufbau gefährdet. Die Schnittstellen, besonders die der großen Äste, bilden die Eingangspforten für die Millionen in der Luft schwebenden Pilze, die das Holz von Stamm und Ästen zum Faulen bringen, so daß schließlich die Standsicherheit der Bäume nicht mehr gegeben ist, weil die Wurzeln absterben.

Die an den Schnittstellen neu gebildeten Äste besitzen nicht die feste Verbindung zum Stamm wie die natürlich gewachsenen Äste und können deshalb viel leichter ausbrechen. - Es tritt also durch den Stummelschnitt eine mehrfache Gefährdung der Standsicherheit der Bäume ein und damit auch der Menschen und des Verkehrs.

Bis sich aus den Stammresten wieder eine größere Krone gebildet hat, vergehen Jahre und Jahrzehnte. Solange aber entfallen die vom Menschen so geschätzten Auswirkungen der Bäume: Luftkühlung, Luftreinigung, Kohlendioxid-Verzehr, Sauerstoffabgabe und die vielen ästhetisch-psychischen Auswirkungen eines natürlich gewachsenen und voll belaubten Baumes. Denn wer, außer den Verursachern, kann schon diese schrecklichen Amputationen schön finden?

Die Unterlassung des Stummelschnittes spart Geld, das besser für gezielte baumpflegerische Maßnahmen verwendet werden sollte wie Bewässerungsanlagen, Belüftung, Verankerung der ausladenden Äste usw. Man muss oft zu dem Schluss kommen, daß diese Verstümmelungen nur einem vordergründigen Arbeitsbeschaffungsprogramm dienen, das aber, wie gesagt, besser in Baumpflege verwirklicht werden sollte. Wenn ein Baum nach einer solchen Roßkur wirklich wieder freudig austreibt, ist die ein Zeichen dafür, dass Der rücksichtslose Rückschnitt gar nicht nötig gewesen war. Denn das Austreiben ist nicht die Folge des Rückschnittes, sondern der Tatsache, daß der Baum in guter Verfassung war.

Freilich gibt es Fälle, wo ein Rückschnitt als letzte Möglichkeit erscheint. Aber diese sind sehr selten. Dann sollte aber erst einmal abgewogen werden, ob nicht die gesamte Entfernung des Baumes und sein Ersatz durch einen wuchsfreudigen Jungbaum entsprechender Stärke nicht schneller zum beabsichtigten Erfolg führen würde.

Es darf nämlich nicht vergessen werden, daß sich im Holz des stehenbleibenden Stammes zu viele Schadstoffe (z. B. Streusalz) angesammelt haben, so daß ein freudiger Austrieb nicht mehr erfolgen kann. Es kommt eben auf die genaue Prüfung der Situation an.
Natürlich ist es einfacher, die Säge zu betätigen, während man bei baumpflegerischen Maßnahmen denken, die physiologischen Vorgänge im Baum kennen und die ökologischen Voraussetzungen wieder herstellen muß. Das alles macht Mühe, führt allerdings zu besseren Erfolgen. In den letzten Jahrzehnten hat das Wissen um die Bäume einen großen Schritt vorwärts getan. Es ist an der Zeit, sich die neuen Erkenntnisse der Baumbiologie und Baumökologie anzueignen.


Zitate aus dem Buch von Aloys Bernatzky: "Baumkunde und Baumpflege", 5. erweiterte Auflage 1994 mit freundlicher Genehmigung von THALACKER MEDIEN, Braunschweig
Seiten 92-93